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Geschnorrte Energie | Auf der Jagd nach schnellen Linien

Bernd Goretzki gibt einen Einblick in die Namibianische Wetterküche.
Geschnorrte Energie | Auf der Jagd nach schnellen Linien
Foto: Stefan Langer

Während wir in Bitterwasser auf die Überflug-Genehmigung warten, ergibt sich die Gelegenheit einmal länger mit Dr. Bernd Goretzki zu sprechen. Bernd ist von Beruf Meteorologe und einer der Gründer von TopMeteo.

In Deutschland verzückt er uns jedes Jahr mit grandiosen Strecken im nördlichen Flachland. Er kommt seit vielen Jahren nach Namibia und hütet einen Schatz an meteorologischer Erfahrung, den er hier mit uns teilt. Besonders für Neulinge soll hier ein Einstiegspunkt in das namibianische Wettergeschehen gegeben werden.

Wir freue uns, in Kooperation mit TopMeteo ab sofort die Satellitenbilder für das südliche Afrika in WeGlide Live und in der Analyse bieten zu können. Dieser und weitere interessante Artikel erscheinen auch im TopMeteo Blog.


Bernd, wie oft warst du jetzt schon in Bitterwasser?

So um die zehn Mal.

War das Fliegen hier am Anfang eine Umstellung für dich?

Auf jeden Fall. Gemütlich die Wolken anfliegen ist hier nicht. Die starken Bärte sind oft schon verpufft, wenn man dort ankommt. Hier ist alles viel kurzlebiger, es gibt keine Dauerbärte. Die Energie wird schneller umgesetzt und die Zyklen sind auf Grund hoher Vertikalgeschwindigkeiten kürzer. Was genauso geht, wie in Europa, sind die dicken Cumulus congestus Wolken. Bei den kleinen Cumulanten kommt man aber oft zu spät an.

Dazu kommt das übliche Spiel mit der Sonne im Norden und nicht im Süden - das ist ein Dauerthema. An sich spielt das tagsüber nicht so eine Rolle wegen der niedrigen Breite, aber abends ist man oft ein wenig verwirrt. Zudem kommt die Dämmerung sehr schnell, innerhalb von einer halben Stunde ist es komplett dunkel. Und die Wüstenthermik geht oft bis Sunset.

In Namibia sind wir zudem nah am Äquator ...

... genau, auf Grund der sehr geringen Corioliskraft (die nimmt mit steigender Breite zu) existieren keine ausgeprägten Druckgebilde. Die lösen sich schnell wieder auf, da die Luft direkter in die Druckgebiete hinein- oder herausströmt und nicht isobarenparallel abgelenkt wird. Deshalb gibt es keine großen Druckgefälle und auch keine klassischen Fronten. Wegen der fehlenden Fronten gibt es generell auch fast keine mittelhohen Wolken.

Welche Druckgebilde bestimmen hier das Wetter?

Namibia und Südafrika bildes ein großes Hochplateu, das von der Sonne im Sommer stark erhitzt wird, es entsteht ein Hitzetief. Dies führt dazu, dass sich die Innertropischen Konvergenzzone, die ja selbst eine Tiefdruckrinne ist, im Sommer der Südhalbkugel nach Südafrika ausbeult.

Das mit dem Hitzetief gibt es übrigens ähnlich auch in Spanien, da hast du auch ab Mitte Juli drei sehr verlässliche Wochen mit guter Thermik, wenn sich das Hitzetief ausbildet.

Das Tiefdruckgebiet über dem Hochland vom südlichen Afrika zapft die feuchte(re) Luft aus dem Norden/Nordosten an, die dann richtig Energie heranbringt. Diese Luft bewegt sich über Sambia, Botswana und Angola bis nach Namibia. Darin bzw. an der Grenzlinie zur trockenen Luft entwickelt sich dann wirklich dolle Thermik. Denn die Wolken, die sich aus der Feuchte heraus bilden, haben eine zum Teil sehr hohe Basis und die schönen Cumulus congestus Wolken saugen die Thermik verstärkt in sich hinein. Im Prinzip ist das geschnorrte Energie, da die Verdunstung woanders stattgefunden hat, hier aber in Form von Kondensationsenergie wieder freigesetzt wird.

Und diese Wetterlage bringt über Tage gutes Flugwetter?

Normalerweise ist das so ein Pendeln. Die feuchte Luft kommt und verschwindet wieder. Diese (Nord-)Ostströmung kann aber auch mal fünf Tage anhalten. Dann wandert die Feuchte bis an die Namib im Westen, ganz Namibia ist dann mit Schauern und Gewittern durchsetzt.

In Deutschland hofft man auf einfließende Kaltluft und Hochdruckeinfluss. Das funktioniert hier auch?

Hier im Wüstenklima ist die kältere Atlantikluft aus Westen richtig schlecht. Wenn die kommt, geht die Thermik vielleicht bis 3500 Meter, das sind dann ganz miese Bedingungen. Die Luft ist sehr trocken, da sie unglaublich aufgewärmt wird auf dem Weg vom Atlantik, von 15° auf 35° Celsius. Bei diesem Prozess nimmt die relative Feuchte stark ab. Es ist blau, man hat volle Sonneneinstrahlung im Cockpit und bei für uns relativ hohen Temperaturen, sehr anstrengend. Das hat man oft im September/Oktober.

Bei welcher Wetterlage ist mit Atlantikluft zu rechnen?

Meist hat man ein mächtiges Hochdruckgebiet vor der Küste. Das schaufelt dann die Atlantikluft nach Südafrika, von da kommt sie nach Namibia herein. Eine solche Lage haben wir ja gerade. In der Höhe geht das einher mit viel Westwind. Die kalte Luft fließt aber meist nur relativ flach ein, ist also nicht hochreichend wie z.B. bei uns zuhause. Oben drüber liegt weiterhin die wärmere Luft und somit eine meist mächtige Inversion. Das bremst die Thermik entsprechend aus, Namibiawetter heißt ja eigentlich 4500-5000 Meter Basis.

Nachmittags merkt man hier oft den starken Westwind ?

Die Luft von Westen kommt fast jeden Nachmittag mit der Seebrisenfront an und ist staubtrocken. Die Seebrise erreicht Bitterwasser meist zwischen 18 und 21 Uhr.

Die Luft vom letzten Abend liegt dann am Morgen meist noch über Bitterwasser. Deswegen fliegt man morgens fast immer im Blauen nach Osten, um in die bessere Luft reinzukommen. Man bastelt sich tief von Pfanne zu Pfanne und nutzt alles, was es an Inhomogenitäten gibt als Auslösepunkte, also Pfannenränder, Farmhäuser, Wasserstellen.

100 km im Osten kommt dann oft ein Basissprung. Schlagartig geht es bis auf 4000 m hoch und die ersten Cumulanten erscheinen. Langsam steigt die Basis dann auch über Bitterwasser durch die hohe Einstrahlung.

Was passiert wenn die beiden Luftmassen aufeinander treffen?

Durch den Ansaugeffekt der feuchteren Luftmasse entstehen dann an der Grenze zwischen der feuchten Luft im Nordosten und der Namibluft aus dem Westen richtig gute Linien, meist an der Grenze zu Botswana. Diese haben Nordwest-Südost-Ausrichtung und das sind eigentlich die richtigen Konvergenzen hier.

An dieser Grenzlinie ist noch nicht ausreichend Feuchte für Gewitter oder Schauer vorhanden, das ist eine wunderschöne Übergangszone, in der man oft lange geradeausfliegen kann. Diese Zone ist relativ eng, oft sind es nur zwischen 50 und 80 km von zu trocken bis zu feucht. Die Linie wandert dann meist ein bisschen rein, manchmal kommt sie auch in Wellen. Die neuen und alten Linien erkennt man meist schön im Satellitenbild. Ein gutes Beispiel ist der Flug von Reinhard Schramme und Tassilo Bode am 12. November.

Die eigentliche Konvergenz ist doch im Westen?

Das ist hier bei den Leuten so im Kopf. Viele haben bzw. hatten das im Osten nicht so auf dem Schirm. Die sogenannte Konvergenz in den Bergen im Westen ist nicht so gut, das ist nur eine transformierte Seebrisenfront. Wenn die Ostströmung dagegen hält, kommt die Seebrise etwas langsamer herein und liegt dann längere Zeit über den Bergen im Westen. An dieser Linie entlang bilden sich dann Wolken und man kann man dann ganz gut dort entlang fliegen. Man kann aber auch Pech haben und es geht nicht richtig. Unterstützt von Westwind aber läuft die Linie ungebremst weiter Richtung Osten.

Die westliche Konvergenz ist aber ein anderer Prozess als im Osten. Sie hat viel weniger Energie, die kalte Atlantikluft schiebt sich voran und zwingt die wärmere Luft dann zur Hebung. Aber die gute Linie im Osten und die reinlaufende Seebrisenfront können sich auch verbinden.

Wie lassen sich die Linien in der Vorhersage erkennen?

Ich gucke auf das 10m Windfeld in der Vorhersage. Da zeichnet sich die Seebrisenfront ab. Auch die Linie im Osten lässt sich am Bodenwindfeld erkennen, da ist in der Mitte fast Windstille.

Wird die Seebrise durch die Küstenwüste verändert?

Die Wüste befeuert die Seebrise. Die Namib ist ein nach Osten ansteigendes, schräges Plateau bis auf 900m hinauf. Das ist dann wie eine kochend heiße Rampe. Dann kommt noch das Randgebirge, das weiter heizt und den ganz normalen thermischen Ansaugeffekt durch seine Hügel bietet. Die höhere Reibung bremst die Seebrise allerdings etwas aus.

Die Namib ist übrigens schon über 80 Millionen Jahre alt. Das Alter ist ein riesiger Vorteil, die ganz feinen Staubpartikel wurden einfach schon fortgetragen und es ist somit fast kein Staub in der Luft. In Kombination mit der extremen Trockenheit und wenig Wolken führt dies zu sehr klaren Nächten, worüber sich die (Hobby)Astronomen freuen.

Bei der Sahara ist das anders?

Die ist wesentlich jünger und führt oft Millionen Tonnen an Staub nach Europa oder sogar bis ins Amazonasgebiet. Das ist das Problem beim Fliegen in Marokko, da hast du im Juli keine gute Sicht. Zudem gibt es ohne den Staub in der Luft eine viel bessere Einstrahlung hier. Dazu kommt noch, dass die Erdbahn um die Sonne kein Kreis ist. Die Südhemisphäre ist der Sonne im Sommer immer etwas näher als die Nordhemisphäre in ihrem Sommer, das macht ungefähr drei Prozent mehr Einstrahlung aus.

Dann ist da noch das Thema Gewitter?

Wenn die Gewitter von Osten kommen, können wir oft bis zum Sonnenuntergang fliegen, die erreichen nur sehr selten Bitterwasser. Es gibt aber Situationen, wo die Feuchte schon über das komplette Land gelaufen ist, bis zum Gebirge im Westen. Dann kommen die Gewitter abends aus der westlichen Gegend auf Bitterwasser zu, nachdem sie sich im Mittelgebirge gebildet haben. Die wandern quasi mit der Seebrise mit. Denen kann man dann sehr schlecht ausweichen, insbesondere, wenn sie gegen am Abend linienartig auftreten.

Das sind so Tage, wo auch ich lieber am frühen Nachmittag lande. Da kannst du auch auf die Vorhersage nicht so viel geben. Bei solchen Wetterlagen ist dann in der Höhe häufig Westwind, sodass die Gewitterschirme bzw. Ambosswolken nach Osten verblasen werden und alles abgeschirmt ist. Gewitter aus dem Westen sind also immer Käse.

Gewitter und Staubstürme, wie es sie hier auch ab und zu gibt, hängen zudem oft zusammen. Viel Wind, viel Böen, keine Sicht. Da sollte man dann lieber in der guten Luft davor bleiben, abwarten und nicht in Panik verfallen und unter ganz schlechten Bedingungen eine Landung am Heimatplatz erzwingen. Notfalls kann man fast immer in Mariental im Süden landen.

Wie verändert sich das Wetter über die Saison?

Man kann hier sechs Wochen gutes Wetter haben, von Anfang Dezember bis Mitte Januar. So dachte man früher. Eigentlich geht es aber schon im November los. Wir wissen sogar, dass es auch im Oktober schon sehr gute, aber noch relativ kurze Tage geben kann. Von November bis Weihnachten bekommen wir abends noch 35 Minuten dazu und die Sonne geht ja auch früher auf. Das sind dann 150 km mehr. Aber grundsätzlich sind 1000er ab Ende Oktober möglich.

Der November kann sehr trocken sein, so wie bisher dieses Jahr, aber irgendwann kommen die Wolken. Es gibt dann die kleine Regenzeit Ende November / Anfang Dezember. Das sind meist ein paar Tage Regen, da kann auch mal die Pfanne volllaufen.

Und die richtige Regenzeit?

Die fängt im Januar an. Manchmal sogar direkt Anfang Januar, dann gibt es quasi ab Silvester nur wenige Flugmöglichkeiten. Der Januar ist grundsätzlich der variabelste Monat, es gibt auch unglaublich gute Januare. Das Wetter ist entweder wirklich gut, oder es ist durchsetzt mit Gewittern. Optisch ist das oft wunderschön. Auf Grund der Feuchte entstehen oft klasse Linien, also sehr schnelles Wetter. Zudem sind die Tage noch relativ lang.

Insgesamt ist die Variabilität im Dezember auf jeden Fall am geringsten, aber es kann in allen drei Monaten ganz fantastisches Wetter oder auch mal miese Bedingungen geben.

Bei welcher Wetterlage werden die 1500km geknackt?

Das ist eine besondere Situation, das gibt es vielleicht ein bis zwei mal im kompletten Südsommer. Alexander Müller und Guy Bechthold machen da immer tolle Flüge. Die Situation ist so, dass in ganz Namibia feuchte Luft eingeflossen ist. Ganz moderat feucht aber nur. Es entwickelt sich dann homogene Cumulusbewölkung vom Gebirge im Westen bis nach Botswana rein. Nachmittags gibt es keine Gewitter, es ist relativ schwacher Ostwind oder sogar Windstille, die Luft ist aus Nordosten eingeflossen und es kommt nichts mehr nach. Auch Bostjan macht dann riesige Dreiecke.

Es geht dann sehr früh los, manchmal schon um halb 10, da nur die nächtliche Inversion durch Ausstrahlung vorhanden ist und nicht durch die aus Westen eingeflossene Luft. Wenn du abends am Tisch sitzt und es bläst wie verrückt aus Westen, dann weist du: Am nächsten Tag liegt die relativ kühle Luft hier und die taugt erstmal nichts.

Bernd, vielen Dank dass du deine Erfahrung mit uns teilst. Wir hoffen in Zukunft öfter die Gelegenheit für diese Art von Austausch zu bekommen.