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Martin Theisinger - Wie ein Mauersegler

Ein Gespräch mit Martin Theisinger über seinen fliegerischen Werdegang, das Vermeiden von Fehlern und die richtige mentale Einstellung beim Fliegen.
Martin Theisinger - Wie ein Mauersegler

⏳ Flugstunden: ~5000
✈️ Aktuelles Flugzeug: Arcus M
😌 Traumflieger: Arcus M
🌎 Wo ich eines Tages mal fliegen möchte: Schweden, Großbritannien & Neuseeland

Martin Theisinger und Yannick Frey haben vor wenigen Tagen souverän den Hahnweide-Wettbewerb in der Doppelsitzerklasse gewonnen. Am Rande des Wettbewerbs sprechen wir mit Martin über seinen fliegerischen Werdegang, welche Fehler er heutzutage vermeidet und die richtige Einstellung beim Fliegen.

Yannick Frey und Martin Theisinger auf der Teck

Martin, wie bist du zum Fliegen gekommen?

Das war quasi familienbedingt. Meine große Schwester und mein großer Bruder sind geflogen, so war es die logische Folge für mich es dann auch zu lernen. Ich war schon früh sehr verbunden mit dem Medium Fliegen, ich habe zum Beispiel viel an kleinen Fliegern und Modellen gebastelt. Zum Wettbewerbsfliegen kam ich dann mit ca. 10 Jahren als ich auf Wettbewerben meines Vaters als Helfer dabei war.

Und die ersten eigenen Wettbewerbe?

Mein erster Wettbewerb war in der Clubklasse mit einer K8. Ich war der jüngste Teilnehmer mit 18 Jahren. Danach war für mich dann klar: Ab jetzt fliege ich jedes Jahr einen Wettbewerb. Damals war es allerdings schwierig, immer an ein Flugzeug zu kommen. Das war nicht zufriedenstellend und wir haben unseren Vater lange um ein eigenes Flugzeug angefleht.

Dann folgte meine erste Quali-Meisterschaft in Kassel (1979). Holger Back hat damals gewonnen, ich konnte mich für die Deutsche Meisterschaft qualifizieren. Gleichzeitig habe ich in Saarbrücken mein Studium aufgenommen und war in der der dortigen Akaflieg Saarbrücken aktiv. Helmut Reichmann hat mir dann seine LS 3 angeboten, und seither bin ich Rennklasse geflogen.

Am Anfang ging es also steil nach oben?

Ich belegte den fünften Platz auf der Deutschen Meisterschaft und qualifizierte mich für den C-Kader. Es folgte die Einladung zum Nationalmannschaftstreffen in Saint-Auban 1980. Da war viel Neues für mich dabei, wie zum Beispiel Welle Fliegen in den Seealpen. Ich dachte dann auf der nächsten Deutschen in Aalen fliege ich ganz vorne mit. Ich hatte zwar einen Tagessieg, aber auch zwei teure Außenlandungen, am Ende war ich dann 12. oder 13. und sehr frustriert.

1981 folgte dann unser Familienflugzeug, eine LS 4. In dieser Zeit habe ich viel Teamflug mit meinem Bruder Georg gemacht, wir haben oft noch andere LS 4en geliehen bekommen. 1986 haben wir den Flieger dann gegen eine LS 6 eingetauscht.

In dieser Zeit habe ich die Nationalmannschaft immer knapp verfehlt. Auch wenn ich in dieser zeit viel Erfahrung gesammelt habe, so hatte ich doch ein Plateau erreicht.

1992 folgte dann die Qualifikation für Nationalmannschaft und die erste WM Teilnahme. Was hattest du verändert?

Ich hatte realisiert, dass das wesentliche im Kopf passiert. In Saarbrücken habe ich von Helmut Reichmann viel im Bereich Sportpsychologie gelernt und mentales Training gemacht. Vor allem ging es um richtige Zielsetzung und positive Affirmationen. Es ging darum, das Selbstvertrauen während eines langen Wettbewerbs zu behalten.  Am Boden zu bleiben nach einem guten Tag und seine Grenzen zu kennen, aber auch Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu haben.

Ich lernte auch, bestimmte Dinge nicht zu machen die ich hätte machen können. Bei der WM in Schweden nicht ohne Landemöglichkeit über einen See zu fliegen, bei der WM in Neuseeland eine kritische Pass Querung nicht zu machen auch wenn die Höhe gerade so gereicht hätte und andere drüber gesprungen sind.

Was hast du in dieser Zeit konkret im Bezug auf deinen Flugstil gelernt?

Ich habe gelernt schnell zu fliegen, vor allem war das in den Jahren 1987 - 1989 in Bailleau. Die Blauthermik ist dort zuverlässiger als bei uns in Deutschland, ich habe mich dort zum ersten mal mit Blauthermik anfreunden können. Ich habe gelernt viel geradeaus zu fliegen, schnell zu fliegen, gute Bärte zu nehmen, im richtigen Höhenband zu bleiben. Das konnte ich dann in die hiesiger Fliegerei übertragen.

Welche Unterschiede siehst du im Vergleich zu deinem heutigen Flugstil?

Ich habe mehr Bergflugerfahrung gesammelt in all den Jahren. Vor allem aber habe ich mehr Gelassenheit bekommen, ich habe Ziele nicht mehr so ernst verfolgt. Damit klappt es einfach ganz gut. Früher bin ich auch ein bisschen offensiver geflogen, ich war öfter tief und musste das Wasser raus werfen, das ist heute seltener geworden.

Nach meiner ersten Nationalmannschaftszeit hatte ich dann einen kleinen Rückschritt, da ich beruflich in leitender Funktion in der Schule einfach mehr eingespannt war.

Wie bereitest du dich hier auf der Hahnweide auf einen Wettbewerbsflug vor?

Wir gucken zuerst, dass der Flieger komplett fertig ist. An Hand einer Checkliste gehen wir alles durch: Essen, Trinken, Mückenputzer, und so weiter.

Dann haben wir eine erste Wohlfühlzone erreicht und gehen and die Aufgabe heran. Wir setzen uns an die Karte und versuchen uns ein Bild zu machen, was in der Luft passieren wird. Welche Rolle spielen Wetter, Wind oder potentielle Abdeckungen?

Wir suchen alle Schlüsselstellen raus und versuchen alle Eventualitäten durchzusprechen, die uns einfallen. Kann der Abflug schwierig werden? Welche Rolle spielt das Gelände? Wo muss man auf den Luftraum achten?

Mir hilft es ungemein vor dem Flug über all das zu reden. Die wichtigen Lufträume schreibe ich mir gerne auch auf das Aufgabenblatt. Im Flug ruft man dann all diese Gedanken dann nur ab, das macht unglaublich frei Ich habe hier auf der Hahnweide gemerkt,  dass ich mich mit ganz vielen Dingen gar nicht beschäftigen muss, da Yannick beispielsweise sehr aufmerksam ist bei Luftraum Fragen. Dadurch gewinne ich Freiheit für das rein Fliegerische.

Wenn die Zeit vor dem Start noch reicht, versuche ich so um die 10 Minuten lang die Augen zuzumachen und etwas runterzufahren. Die Strecke im Kopf durchzugehen, bis zum erfolgreichen Endanflug. Da muss man aber aufpassen, dass man nicht zu sehr runter fährt.

Wie stimmt ihr euch während des Fluges ab?

Meistens nenne ich die möglichen Alternativen oder Yannick spricht sie an. Wir einigen uns dann auf eine Option. Dabei geht es eigentlich immer um mittelfristige Entscheidungen im Bereich der nächsten 5 bis 20 km. Ich verbalisiere oft was ich denke, aber wir reden auch nicht zu viel, manchmal ist es auch ein paar Minuten ganz still.

Das Wesentlichste beim Doppelsitzer fliegen ist aus meiner Sicht das Sicherheitsplus. Ein hellwacher und junger Copilot wie Yannick sieht schnell Veränderungen oder erkennt bestimmte Situationen und fragt nach, ob ich das auch sehe. Das macht mich ganz frei, mich nur auf das Wetter zu konzentrieren. Ich kann dann zum Beispiel schon auf den nächsten Schenkel gucken und vorausschauender Fliegen.

Welche Fehler passieren dir heute noch?

Ein klassischer Fehler von mir ist, zu früh abzufliegen, weil ich die Pulkerei nicht vertrage oder denke, dass das Wetter schon gut genug ist. Die taktischen Spätabflieger haben aber meist einen Vorteil.

Woher das bei mir kommt? Ich habe durch einen frühen Abflug mal eine Qualifikation geschafft. Außerdem habe ich sehr dünner Nerven im Pulk, seitdem mein Bruder mal einen Zusammenstoß in den 1980ern hatte. Davor hatte ich mich im Pulk immer wohl gefühlt, aber nach solch einem Erlebnis wird dir die Gefahr bewusst.

Gibt es Fehler die du früher gemacht hast und heute bewusst vermeidest?

Ich versuche heute in den richtigen Momenten auch mal geduldig zu sein. Stell dir vor es ist sechs Uhr abends. Es ist blau und du hast dich in die vorderste Linie gearbeitet, aber keiner fliegt mehr vor. Du weißt, dass es noch 1 Meter Bärte gibt, aber der Pulk kurbelt 0.3 Meter bis einer die Nerven verliert. Einmal ist mir da in Bückeburg dann der Kragen geplatzt und ich bin vorneweg. Aber nachdem ich den Pulk verlassen hatte sind sie dann hinter mir eingekreist und ich wurde quasi überrollt.

Heute lasse ich mich da auch mal in die zweite Reihe fallen. Ich muss mir oder anderen nicht mehr beweisen, dass ich in solchen Situationen auch alleine vorfliegen kann. Rein statistisch funktioniert das auf Dauer einfach nicht.

Ein häufiger Fehler ist auch, wenn man nach einem sehr guten Bart euphorisch wird und sehr schnell vorfliegt. Ich fliege da heutzutage oft etwas langsamer. Das habe ich mit Holger Back oft diskutiert. Manchmal muss man da wirklich die Hand etwas zurückziehen vom Knüppel. Diesen Pace-Wechsel gut hinzukriegen, richtig umzuschalten von schnell auf langsam und andersherum, das ist nicht einfach..

Klaus Holighaus hat glaube ich mal gesagt: Wenn du einen extrem guten Bart hast, dann dauert es lange bis du den nächsten guten Bart hast.

Welche Fehler hast du während diesem Wettbewerb gemacht?

Uns sind wenige große Fehler passiert. Wir sind einmal zu forsch ins mittlere Band gegangen und haben einen guten Bart verlassen. Da sage ich mir dann: "Okay das ist jetzt gelaufen", und fokussiere mich nach vorne. Das sind einfach Dinge die vorbei sind und die man nicht mehr ändern kann. Rein statistisch gibt es gute Chancen wieder vorne dran zu kommen.

Das mag sich angeberisch anhören, aber ich sag mir in solchen Situationen manchmal: "In einer Stunde sehe ich dich von oben". Das macht mir Mut und gibt mir Selbstvertrauen. Gleichzeitig fixiere ich mich nach vorne. Wichtig ist auch, den Fokus von den anderen wegzunehmen. Sobald du denkst: "Ah, Scheiße, die haben ja viel besseres Steigen", fehlt dir eine Beobachtung.

In welchem mentalen Zustand bist du während eines Fluges?

Es gibt so flowartige Zustände wenn alles gut läuft, die mir viel Selbstvertrauen geben. Es macht dann richtig Spaß möglichst viel Energie ins Flugzeug reinzuzuziehen. Mauersegler zum Beispiel fliegen ganz selten gerade, sie fühlen die Energie und machen viele kleine Schlenker. Ich denke mir dann, dass ich das jetzt wie ein Mauersegler mache. Das ist eine kleine Affirmation und solch eine Metapher verstärkt das Flow-Gefühl.

Untenrum verzweifle ich aber auch mal. Wie ein Aufwind mit dem Boden zusammenhängt, das zu korrelieren funktioniert vielleicht zu 20%. Sobald ich einen guten Bart habe, frage ich mich wo der herkommen könnte. Das habe ich von meiner Trainertätigkeit und hilft meinem generellen Verständnis der Thermik.

Während eines Fluges bin ich immer komplett konzentriert. Manchmal überlese ich dann sogar die Nachricht "Entspannen und Trinken", die im LX kommt. Aber Yannick hat herausgefunden wann gute Zeitpunkte zum Entspannen sind und erinnert mich dann daran.

Und wenn es mal nicht so gut läuft?

Wenn ich ratlos bin wende ich eine Technik an, die ich beim mentalen Training gelernt habe: Es gibt nur mich und meine Aufgabe. Ich frage mich: Wo bin ich? Was ist meine Aufgabe? Wo ist mein Kurs? Auf einmal sieht man dann mehr Dinge die einem helfen könnten, wie zum Beispiel einen Vogel der steigt. Vögel sind für mich in der Fliegerei sehr wichtig.

Wie teilst du deine Zeit während des Fluges ein?

Ich habe da keine Checkliste die ich periodisch durchgehe, sondern alle Aufgaben kommen einfach auf mich zu. Wenn ich im mittleren Niveau bin und einen Bart zentriert habe schaue ich ganz weit auf Kurs. Welche Optionen und Linien bieten sich an? Wie ist das Gelände, vor allem wenn es blau wird? Wie funktioniert die Thermik heute? Meteorologische Navigation mache ich eigentlich immer wenn die Gelegenheit da ist. Das macht bestimmt 60% der Flugzeit aus. 20% der Zeit beschäftige ich mich wahrscheinlich mit der Thermik. Die restlichen 20% der Zeit gehen für das Cockpit, Navigation, Luftraum, Pinkeln und Essen drauf.

Das klingt ganz schön durchgetaktet. Wie anstrengend ist so ein Wettbewerb für dich?

Ein Wettbewerb ist schon immer anstrengender. Aber auch unglaublich faszinierend. Es geht ganz tief in die Persönlichkeit rein. Du musst mit Misserfolg zurecht kommen. Du musst mit einem Erfolg angemessen umgehen können. Wann hat man so emotionale Momente schon im Alltag?

Bereitest du deine Flüge nach?

Ich habe mir jahrelang Notizen zu jedem meiner Flüge gemacht. Ein Plus für die Dinge die gut gelaufen sind, und ein Minus für die Dinge wo ich Fehler gemacht habe. Das dauert vielleicht 10 Minuten. Am Besten macht man das nicht gleich nach dem Flug, sondern etwas später als bewusste Rückkopplung.

Kaum bist du sehr sehr gut, ist die Wahrscheinlichkeit dass du einen Fehler machst sehr groß. Warum passiert das? Man baut Druck und Angst auf. Wenn man darüber bewusst nachdenkt kann man sich entsprechend verhalten und zu sich selber sagen: "Bleib cool."

Wo siehst du in Zukunft noch Möglichkeiten dich zu verbessern?

Bei der Konstanz über den ganzen Wettbewerb. Wichtig ist auch, sich vor dem Start nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Ein Beispiel hier von der Hahnweide ist, als vor dem Start jemand bemerkte dass unser Auspuff gerissen war. Beim Arcus M muss man nach viel mehr Dingen gucken als bei einem reinen Segler. Da ist es wichtig einfach ruhig zu bleiben.

Was auch einen sehr bösen Effekt haben kann ist wenn man gut platziert ist und von Tag zu Tag dann immer mehr Leute an das Cockpit kommen vor dem Start. Das ist nicht böse gemeint, stört aber die Routine ungemein. Da muss man sich zurückziehen und braucht eine Crew, die einen abschirmt.

Martin, vielen Dank für das Gespräch.

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