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Einsatz am Western Cape

Es gibt viele Sportsoldaten Generationen, die im Oktober mit einem letzten Flug an der Porta oder am Ith das Flugjahr ausklingen lassen. So aber nicht bei meinem Kameraden und Freund Lukas Blattmann und mir in 2018. Wir wollten definitiv mehr und hatten die Möglichkeit für drei Monate in Worcester am Western Cape fliegen zu dürfen.

Die IYB über der False Bay mit dem Kap der guten Hoffnung im Hintergrund - Foto: Stefan Langer

Für dieses Erlebnis hatten wir in Worcester den Arcus T "V8" und die "alte IYB" (Discus 2cT) des DAeC zur Verfügung. Diese hatte der DAeC uns, und damit meine ich auch die nachfolgenden Sportsoldaten sowie Stefan Langer, für einen "letzten Ritt" in Südafrika zur Verfügung gestellt, bevor Sie durch den Ventus 3 ersetzt wurde. Hierfür nochmals vielen lieben Dank. Im Container sind die Flugzeuge gemeinsam mit dem Arcus "4Y" von Markus Geisen über den Atlantik geschippert.

Meine Flugerfahrung im Gebirge hatte sich bis zu diesem Zeitpunkt auf die Alpen-Fliegerei aus Puimoisson, der Schweiz und Bayern beschränkt. Bereits aus Erzählungen hatte ich von der Worcester Magic gehört. Dort soll es ewig lange Hänge und gute Steigwerte geben. Geradeaus fliegen, im richtigen Aufwindband bleiben, knappe Passquerungen und bloß nicht kreisen - ist ja schließlich langsam - sind hier angesagt.

In Worcester ist man üblicherweise schnell und eng am Hang unterwegs

Voller Vorfreude ging es dann Ende Oktober mit dem Airliner nach Kapstadt und von dort weiter mit dem Auto ca. 1h Stunde nach Worcester. Auf dem Flugplatz durften wir gegen eine geringe Gebühr die Einrichtungen des Vereins und die Schlafhütten nutzen. Zum Verein gehört ein gepflegter Campingplatz mit Pool sowie ein gemütliches Klubhaus mit sanitären Einrichtungen und dem Braai – dem Holzkohlegrill – der in Südafrika nirgends fehlen darf und der Bestandteil der legendären südafrikanischen Gastfreundschaft ist.

Gleich nach unserer Ankunft hat Markus, der dankenswerter Weise den Transport der Flugzeug organsiert hatte, uns schon zum Ausladen der Flugzeug erwartet. Da er die Aktion jährlich betreibt, dauerte es nicht lange, bis wir die Flugzeuge ausgeladen hatten und startklar waren. Bevor es jedoch los ging stand die ausführliche Beschäftigung mit dem Fluggebiet an. Zur Orientierung und Vorbereitung setzten wir uns mit Sven Olivier und Markus Geisen zusammen und besprachen das Fluggebiet. Sven ist nicht nur ein absolut cooler Typ, der sich bereit erklärt hatte uns seine Halle für unsere Flugzeuge zur Verfügung zu stellen, sondern auch einer der erfahrensten Segelflieger vorort. Mit seiner JS1 hat er das Fluggebiet zu einem großen Teil erschlossen.

“Western Cape topography labelled (with provincial labels)” by Htonl, licensed under CC BY-SA 3.0 - Unten links das Kap der guten Hoffnung - Mit dem roten Kreuz ist Worcester markiert.

Worcester liegt eingeschlossen von Bergen im Breede Valley, das für seine hervorragende Weine bekannt ist. Auf der Seite des Indischen Ozeans erstreckt sich das Küstengebirge mit bis zu 2000m hohen Bergen. Der Langeberg stellt dabei die Rennstrecke nach Osten dar. Über 200km können hier geflogen werden, bis das Gelände und die Aussenlandemöglichkeiten anfangen kompliziert zu werden. Westlich von Worcester – auf der Seite des Atlantischen Ozeans – verlaufen die Gebirgsrücken eher in Nord-Süd-Ausrichtung. Umgangssprachlich wird dabei der vordere Hand die "Front Ridge" genannt und der Cederberg die "Back Ridge". Die Besonderheiten hierzu sind im aufgezeichneten Livestream des Streckenflug Stammtisch erklärt:

https://www.youtube.com/watch?v=bjWGbdKscpU&t=5542s

Gut vorbereitet starten wir also zu unserem ersten Flug Anfang November. Die Bedingungen sind schwierig. Auf Grathöhe des Oudenbergs in 1200m geht es Richtung Osten.

"Uff" denke ich mir, "bisschen mehr Höhe wäre schon ganz cool...".

Langsam schleichen wir uns den Hang nach Osten. Ohne Probleme passieren wir Robsspur - eigentlich berühmt berüchtigt für die starke Leewirkung. Dass wir hier in Zukunft 300m tiefer und mit deutlich mehr Geschwindigkeit entlang fliegen will mir da noch gar nicht in den Sinn kommen. Mit einem gemütlichen 100er Schnitt beende ich meinen ersten Flug von über 500km und frage mich, ob dies schon alles ist, wovon alle hier so schwärmen?

Start Richtung Westen - Foto: Stefan Langer

Zum Glück werde ich nicht enttäuscht. Nicht nur, dass die Tage besser werden und die Saison richtig zündet, auch die Fliegerei Vorort muss erst richtig erlernt werden. Schon nach 14 Tage fallen die ersten 1000er mit Schnitten bis 150km/h. Das Fluggebiet entfaltet sein ganzes Potential. Es ist der Wahnsinn was die Natur so alles bereit hält und zu was für Leitungen die modernen Segelflugzeuge in der Lage sind. Nachdem die Basics des Fluggebiets erkundet sind, können wir weiter experimentieren.

Der Langeberg voll entwickelt, Kreisen ist so selbst bei Geschwindigkeiten um die 200km/h nicht notwendig - Foto: Stefan Langer

Wir wollen die Grenzen ausloten, neue Gebiete erkunden und neue Routen erschließen. So verwundert es nicht, dass desöfteren der Motor bemüht werden muss - wer nicht wagt der nicht gewinnt. Ein Flug der mir hier besonders im Gedächtnis bleibt, ist zusammen mit Markus in der 4Y. Wir wollen den Norden erkunden und weiter fliegen als je einer zuvor. Und das gelingt uns auch.

Der Flug fängt klassisch mit Hangflug entlang der Witzenberge an. Sprung auf die Front Ridge, Kurbeln zum Sprung auf die Back Ridge und von dort weiter bis Klawer. Bis hierhin gefühlt tausend mal gemacht. Alles kein Problem.

Unser Weg führt uns weiter mit Sprüngen von Plateaukante zu Plateaukante und weiter nach Norden bis hinter Eselkoop, wo wir uns in einer vertricksten Situation vorfinden. Der Wind weht sehr stark mit über 40km/h, wodurch eine Rückkehr ohne Aussenlandung (oder den Motor zu nutzen) verbaut ist. Wir parken also bei Eselskoop und machen uns Gedanken, wie wir die Situation retten können. Dabei fällt unser Blick auf einzelne Wolken auf dem Hochplateau. Entschluss gefasst, weiter gehts. Gemeinsam schaffen wir es über eine Stunden tief durch Hang- und Blauthermik bei 40km/h in der brühenden Sonne Südafrikas uns bis zum erlösenden Bart vorzuarbeiten, um dann im weiteren Verlauf auf bis zu 4400m zu steigen. Ganz schön kalt da oben unter der Wolke, wenn man eigentlich nur dünne Schuhe, Sporthose und T-Shirt an hat. Über das Hochplateau kämpfen wir uns weiter zurück, müssen aber schlussendlich doch den Motor zum Ende hin benutzen. Und wozu ist sowas gut?

Wir konnten mit diesem Flug die fliegerischen Grenzen nach Norden hin abstecken und uns ein Bild von der Lage machen. Im Live Stream erwähne ich das "Worcester Kunststück". Eine Aufgabe, die ich mir während meiner Zeit dort zum Ziel gesetzt habe: 1000km FAI, angemeldet.

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Das Worcester Kunststück - Die Aufgabe ist als Beispiel zu verstehen

Aber wo liegt hier die Schwierigkeit? Es ist nun leider so, dass meistens nicht alle Ecken des Fluggebiets gleichmäßig gut befliegbar sind. Dies hängt von dem Wetter, Tageszeitpunkt, usw. ab. Leider erlaubt die Topographie des Fluggebiets das 1000km FAI nur, wenn man die Wenden in drei Gegenden liegen, die für gewöhnlich nicht alle an einem Tag funktionieren oder nur sehr schwach. Die Wenden liegen außerdem immer in sehr anspruchsvollem Gebiet, weshalb diese - wie oben beschrieben - ausführlich erkundet werden müssen. Darüber hinaus muss man insgesamt sogar 1130km fliegen, wodurch ein Schnitt von ungefähr 125km/h erreicht werden muss. Die Schwierigkeiten lassen sich gut an diesem Flug zeigen:

Leider ist keiner meiner unzähligen Versuche mit Erfolg gekrönt. Gerade abends von der Front Ridge zurück auf die Witzenberge zu springen gleicht einem Krimi. Kann ich hoch genug von der Front Ridge losfliegen? Wenn ich ankomme, steigt es noch an den Witzenbergen? Hier können nur Minuten zwischen glorreichen Abschluss eines Fluges oder vorzeitigem Ende am Abend führen.

Letztendlich besteht die Kunst in der Fliegerei am Western Cape darin, die Faktoren Ort, Zeitpunkt, Windrichtung und Wettersituation erfahrungsbasiert in die richtigen Entscheidungen umzuwandeln um mit hoher Geschwindigkeit im richtigen Höhenband am Hang zu fliegen, bzw. rechtzeitig das Gas herauszunehmen, zu steigen, zu kreisen und die Nerven bewahren auch wenn es mal niedrig und schwach wird. Die Kenntnis des aktuellen Winds spielt hier eine extrem wichtige Rolle. Selbst die modernen Segelflugrechner sind derzeit noch zu träge um den Wind aktuell und akkurat anzuzeigen. #anemoi ich glaub an euch ;)

Grenzen auszuloten, bedeutet auch spät nach Hause zukommen. Oftmals ist das Lichtschauspiel durch die Berge und Wolken ein wahrer Genuss im Endanflug!

Ausschau nach Windanzeigern zu halten ist hier essentiell und kann einen vor bösen Überraschungen bewahren. Das sind z.B. Büsche, Seen, Rauchfahnen, Windsäcke und Fahnen. Diese Informationen einzuordnen verlangt eine Menge Erfahrung und Können insbesondere in schwierigen Situationen und Gelände. Dieser hohe Anspruch Entscheidungen auch manchmal in Sekunden treffen zu müssen macht für mich dieses Fluggebiet so einzigartig und interessant. Meine Zeit in Worcester möchte ich nicht missen und auch den anderen geht es nicht anders. Meine Bilanz nach 3 Monaten Aufenthalt:

  • 53 Starts und 374 Stunden in der Luft
  • 19 Flüge über 1000km
  • Weiteste Strecke von 1332,47km
  • Schnellster Flug 443,82 km mit einem 187,88 km/h Schnitt

Was bleibt ist das Bedürfnis zurück zukommen, Neues zu erleben und bei passendem Wetter das Kunststück zu wagen.


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